Konzept

Machen war immer verführerisch für mich. Ich kann mich komplett im Machen von schönen Dingen verlieren. Die Bewunderung für meine "handgemachte Schönheit" ist mir aber nicht genug.
Ich entschied mich also anstelle der Dinge mein Leben, meine Erinnerungen, meine Fantasien und meinen Alltag zu meiner Kunst zu machen. Es stellte sich heraus, dass dies die eigentliche Herausforderung ist: nichts machen, sondern sein und dies künstlerisch umzusetzen, Risiken einzugehen und mich eben nicht in der Schönheit der Dinge zu verlieren.
Ich mag schöne Dinge aber trotzdem und deshalb integriere ich sie als Requisiten in meine Arbeit.
Ich empfinde meine Zuneigung zu Glas als Erleichterung, weil ich meinen Drang Schönes zu produzieren dort "aufgehoben" weiß: Wenn man Glas macht, ist man unentwegt mit der ultimativen Schönheit dieses Materials konfrontiert. Schönheit ist allgegenwärtig und relativ, so dass man automatisch einen sehr entspannten Umgang damit entwickelt. Es kann passieren, dass man eine Stunde an einem hochkomplizierten Gefäß arbeitet, bis etwas schief läuft; es zerspringt vorzeitig oder man lässt es fallen. Der Glasbläser wird einmal tief durchatmen, sich abwenden, einen Besen holen und sagen: "Don`t be precious. Start again." Die Arbeit mit Glas hat es mir erleichtert, in meiner Kunst vom "Machen" Abstand zu nehmen und gängige ästhetische Modelle und deren Produktion nicht als Zweck meiner Kunstwerke zu akzeptieren, sondern Entwicklung zuzulassen.
Ich glaube an den Unterschied zwischen Kunst und Leben vereinbaren und Kunst und Leben vereinen. Quellen der Inspiration waren und sind Patty Chang, Linda Montano, Bill Viola und Susan Sontags "eloquent silence". Prämisse meiner Arbeit ist es, mich und meinen Körper zu benutzen oder benutzen zu lassen. Ich entscheide mich für einen Kunstbegriff der seine eigene Negierung beinhaltet: die Macht der Kunst liegt in der Macht sich selbst in Frage zu stellen. Kunst und Anti-Kunst sind eins. Geschichten und Begebenheiten des Lebens wurden der Ausgangspunkt für meine künstlerischen (Video-)Illustrationen. Ich mag Worte und Geschichten, und deshalb begleiten sie meine Arbeit. Immer wenn ich meine Wünsche und Träume durch die Einschränkungen des Alltags begrenzt sehe erfinde ich im Rahmen meiner "Illustrationen" kreative Lösungen. Die sich daraus ergebenden Themen sind der Kunstbegriff per se, Rollenverhalten und -tausch, Körper und Körperlichkeit, Raum, meine Herkunft und Geschichte(n), Kontrolle, Spiel, die Freude mit diesen Themen zu leben und der ewige Versuch, den Witz und Spaß dabei nicht aus den Augen zu verlieren, trotz aller möglicher Konsequenzen.
Ich benütze das "zweidimensionale" Medium Video und Performance um eine dritte Dimension darzustellen. Dreidimensionalität wird so auf ein zweidimensionales Medium Video reduziert. Der Bildhauer, traditioneller "Macher" und Machthaber, verharrt passiv und lässt machen und geschehen, oder sieht den Raum und was ihn füllt. So versuche ich den Raum mit meinen Performances zu füllen, ohne Skulpturen für diesen Raum zu produzieren. Die Filme und Requisiten sind also oft nur Dokumentation der eigentlichen bildhauerischen Arbeit, die bereits im Rahmen der Performance stattgefunden hat, oder für das, was sich im Raum vor meinen Augen abgespielt hat.
Letztendlich will ich eher entsetztes Starren, verschämtes Weggehen, überraschtes Grinsen oder lautes Lachen provozieren, denn das belohnt und amüsiert mich. Und darum geht es bei meiner Arbeit: für mich Skulpturen in vollster Dreidimensionalität zu erschaffen.
Die sich daraus ergebende Ästhetik ist bewusst gewählt, und auch Schönheit wird so wieder möglich.

Nadja Schrade     < >